Kennst Du dieses herrlich boshafte Lied von Max Raabe: „Kein Schwein ruft mich an …“?

Übertragen auf manche Unternehmen müsste es heute heißen: Niemand kennt mich – aber bitte trag Dich trotzdem sofort in meine Liste ein. Jetzt!!! Denn ich habe gelernt: Verkauft wird über die Liste. Also muss sie wachsen. Oder?

Ich habe schon oft erlebt, dass Menschen ohne nennenswerte Bekanntheit und teilweise sogar ohne erste Kunden genau dieses Modell verkauft wurde:

  • Erstelle ein Freebie oder ein Webinar.
  • Schalte eine Leadanzeige.
  • Sammle E-Mail-Adressen.
  • Verkaufe anschließend in Deine Liste.
  • Fertig ist die Kundengewinnungsmaschine.

Nur leider ist ein Mensch keine Maschine und eine E-Mail-Adresse bedeutet noch lange kein Vertrauen in DICH und Dein Angebot.

Ja, das war einmal viel leichter

Natürlich gab es Zeiten, in denen sich auch weitgehend unbekannte Anbieter mit einer guten Anzeige, einem brauchbaren Freebie und einer ordentlichen E-Mail-Serie vergleichsweise günstig eine Liste aufbauen konnten. Das war schon klasse! Nur – die Selbstverständlichkeit, mit der das mal klappte, die ist inzwischen weg.

Auch heute noch kann eine direkte Leadkampagne funktionieren. Besonders dann, wenn das Angebot bereits nachgefragt wird, die Botschaft glasklar ist, erste Erfolge belegt sind und der nächste Schritt für Interessenten nicht zu groß ist. Es funktioniert „erstaunlicherweise“ am besten bei Menschen, die schon eine relativ große Liste haben. Anders ausgedrückt: klappt prima bei bereits bekannten Anbietern.

Was ich für gefährlich halte, ist etwas anderes: das Versprechen, dieses Modell sei für praktisch jedes junge oder unbekannte Business der logische erste Schritt. Das funktioniert oft genug einfach nicht, und dann ist der Frust verständlicherweise groß.

So eine Anzeige verlangt manchmal erstaunlich viel von Deiner potenziellen Kundin

Stell Dir die Situation aus Sicht der Frau auf der anderen Seite vor.

Sie sieht Dich zum ersten Mal. Sie kennt Deinen Namen nicht. Sie weiß nicht, ob Du Dein Fach beherrschst. Sie hat keine Erfahrung mit Deiner Arbeitsweise. Vielleicht versteht sie noch nicht einmal vollständig, welches Problem Du eigentlich löst.

Und nach 20 Sekunden soll sie:

  • auf einen Link klicken,
  • ihre Daten eintragen,
  • Dein Freebie herunterladen,
  • mehrere E-Mails lesen,
  • an einem Webinar teilnehmen
  • und anschließend mehrere Hundert oder Tausend Euro ausgeben.

Das ist nicht unmöglich, und es hat oft genug auch geklappt, und es klappt ja durchaus heute noch. Es ist „nur“ eine ziemlich große Erwartung an einen Erstkontakt.

Wenn die Ergebnisse ausbleiben, wird häufig an der falschen Stelle herumgeschraubt: eine neue Zielgruppe, ein neuer Hook, ein neues Bild, eine andere Buttonfarbe, noch ein Freebie. Natürlich können all diese Dinge eine Rolle spielen. Manchmal ist die schlichte Wahrheit jedoch:

Die Menschen wissen noch nicht ausreichend, wer Du bist,
wofür Du stehst und warum sie gerade Dir vertrauen sollten.

Vertrauen ist 2026 kein nettes Extra

Das Edelman Trust Barometer 2026 beschreibt eine Welt, in der sich Vertrauen stärker in kleinere, vertraute Kreise zurückzieht. Für Deutschland meldet die Studie eine besonders hohe Zurückhaltung, Menschen außerhalb des eigenen Werte- und Erfahrungskreises zu vertrauen. Und wenn ich mich in unserem Land so umblicke, muss ich bei dieser Beschreibung einfach nur nicken.

Quelle: Edelman Trust Barometer 2026 – Deutschland

Das ist keine Untersuchung über Meta-Leadanzeigen. Aber es beschreibt das Umfeld, in dem wir heute werben: Menschen sind skeptischer, vorsichtiger und durch KI-generierte Inhalte, vollmundige Versprechen und ständig neue Angebote zusätzlich verunsichert.

Vertrauen ist deshalb kein warmer Kuschelfaktor, den man nach erfolgreicher Leadgenerierung irgendwann ergänzt. Vertrauen gehört zur wirtschaftlichen Vorarbeit. Ich halte es sogar für die absolute Basis, damit aus einem Lead irgendwann ein zahlender Kunde werden kann.

Die vielleicht wichtigste Währung im Marketing 2026 heißt Vertrauen. Reichweite und Sichtbarkeit alleine sind noch nichts wert – doch ohne Sichtbarkeit kann dieses Vertrauen kaum entstehen.

Was ich mit „erst einmal Reichweite aufbauen“ meine

Ich meine nicht, dass wir drei Monate lang hübsche Videos ohne erkennbare Botschaft in die Welt blasen und uns anschließend an großen Reichweitenzahlen erfreuen. Du und ich verkaufen schließlich keine Impulsprodukte, sondern meist erklärungsbedürftige Dienstleistungen.

Schlechte Reichweitenwerbung kauft billige Impressionen. Gute Sichtbarkeitswerbung sorgt dafür, dass die richtigen Menschen Dich wiederholt mit einem für sie relevanten Problem verbinden.

Sie beantwortet nach und nach Fragen wie:

  • Wer bist Du?
  • Welches konkrete Problem löst Du?
  • Wie denkst Du über dieses Problem?
  • Was machst Du anders als andere?
  • Kann ich Deine Aussagen verstehen und einordnen?
  • Möchte ich mehr von Dir hören?

Wenn diese Inhalte nicht sofort mit harten CTAs daherkommen, sondern zunächst auf Vertrauensaufbau setzen, kann das erstaunlich gut funktionieren. Schauen wir doch mal genauer drauf:

Der sanftere Einstieg

Für ein bisher kaum bekanntes Unternehmen kann ein sinnvoller Einstieg so aussehen:

1. Klare Botschaften testen

Nicht: „Ich bin Coach und begleite Dich auf Deinem Weg.“ Super – auf welchem Weg? Auf dem nach Honolulu oder auf dem Weg zu mehr Selbstvertrauen?

Sondern eine Aussage, die sich mit einem konkreten Problem verknüpfen lässt. Zum Beispiel: „Wenn Dein Umsatz wächst, aber am Monatsende trotzdem nichts übrig bleibt, brauchst Du möglicherweise nicht mehr Kunden, sondern mehr Klarheit über Deine Zahlen.“

Solche Aussagen können wir in unterschiedliche Versionen packen und gegeneinander testen. So wird unsere Botschaft häufiger ausgespielt – und wir lernen, welche Aussage am besten ankommt. Diese Erkenntnisse sind bares Gold wert.

Denk daran: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht Dir!

2. Die Person sichtbar machen

Gerade bei erklärungsbedürftigen Dienstleistungen kaufen Menschen nicht nur eine Methode. Sie kaufen auch Einschätzungsvermögen, Haltung und Zusammenarbeit. Oder kürzer: Sie kaufen Dich. Sie vertrauen sich und ihr Problem Dir an.

Es kann passieren, dass dieses Vertrauen ganz schnell entsteht. Die Mehrheit der Menschen braucht jedoch deutlich länger, bis sie wirklich so weit ist.

3. Erst einmal eine kleine Reaktion erwarten

Der erste sinnvolle Schritt muss nicht sofort das ausgefüllte Leadformular sein. Vielleicht sieht sich jemand ein weiteres Video an, liest einen Artikel, besucht Dein Profil oder speichert einen Beitrag. Kehrt einige Tage später zurück.

Das sind noch keine Umsätze. Aber es sind Hinweise darauf, welche Botschaft Interesse und Wiedererkennung erzeugt. Und ich habe es nicht nur einmal erlebt, dass genau jetzt die ersten echten Kaufinteressenten um die Ecke biegen und mehr wissen wollen.

Bei Meta können wir diese Phase beispielsweise mit Videoaufrufen, Awareness- oder Interaktionskampagnen unterstützen. Welche Optimierung sinnvoll ist, hängt davon ab, was wir aus dem jeweiligen Inhalt lernen wollen. Wichtig bleibt: Eine Interaktion ist noch kein Kaufinteresse. Sie ist zunächst ein Signal, das wir richtig einordnen müssen.

4. Vertiefung ermöglichen

Kurze Anzeigen können Aufmerksamkeit gewinnen. Vertrauen entsteht jedoch häufig erst in längeren Formaten: in einem hilfreichen Blogartikel, einem ausführlicheren YouTube-Video, einem Newsletter oder einer guten Fallstudie.

Deshalb betrachte ich diese Inhalte nicht getrennt von der Anzeigenstrategie. Die kurze Anzeige kannst Du mit dem Schaufenster eines Geschäfts vergleichen. Der längere Inhalt ist die Einladung, hineinzugehen und sich ganz entspannt umzusehen.

5. Nachfrage anschließend aktivieren

Sobald wir erkennen, welche Aussagen funktionieren und wer sich intensiver mit unseren Inhalten beschäftigt, können wir gezielter weiterarbeiten: mit Retargeting, einem passenden Freebie, einer Einladung zum Gespräch. Oder auch: hier kommen jetzt echte Leadkampagnen ins Spiel.

Der Unterschied: Wir verlangen nicht mehr beim allerersten Kontakt die größtmögliche Handlung.

Achtung: Reichweite heilt kein unfertiges Angebot

Wenn Du noch keinen einzigen Kunden hast, nicht weißt, ob Menschen Dein Angebot überhaupt wollen, und Dein Nutzen nur aus allgemeinen Wohlfühlbegriffen besteht, wird auch mehr Sichtbarkeit nicht als Wunderwaffe wirken können.

Dann brauchst Du zunächst echte Gespräche, erste Erfahrungen und Rückmeldungen aus dem Markt. Bezahlte Sichtbarkeit kann diesen Lernprozess unterstützen. Sie wird ihn nicht vollständig ersetzen, doch sie kann ihn wesentlich beschleunigen und Dir teure und zeitintensive Umwege ersparen.

Wenn Du bereits Kunden hast, wenn Dein Angebot bereits bewiesen hat, dass es nachgefragt wird und etwas bewirkt – dann kann der sanftere Aufbau sehr sinnvoll sein: erst gesehen und verstanden werden, dann Vertrauen vertiefen und schließlich konkrete Nachfrage aktivieren. Damit erreichst Du genau das, was Du willst: mehr Sichtbarkeit, die zu mehr Leads führen – und damit zu einer Liste mit Menschen, die Dich kennen, die Dir vertrauen und die denken:  irgendwann brauche ich genau das, und dann weiß ich jetzt schon, wen ich dann anrufe!

Leadanzeigen sind nicht tot

Sie haben nur einen ganz bestimmten Job – und sie sind kein Allheilmittel.

Eine Leadkampagne kann interessierte Menschen einsammeln und den nächsten Schritt erleichtern. Sie kann aber nicht zuverlässig all das nachholen, was vorher fehlt:

  • ein verständliches Angebot,
  • eine klare Botschaft,
  • glaubwürdige Erfahrung,
  • Wiedererkennung,
  • Vertrauen.

Wenn diese Grundlagen vorhanden sind, können Leadanzeigen ausgesprochen wertvoll sein. Wenn sie fehlen, wird die Kampagne schnell zum sehr teuren Test dafür, ob völlig fremde Menschen bereit sind, mehrere Vertrauensstufen zu überspringen.

Und genau deshalb stelle ich inzwischen häufiger eine andere Frage als „Wie bekommen wir möglichst schnell Leads?“:

Was müssen die richtigen Menschen zuerst von Dir sehen, hören und verstehen,
damit ein späterer Lead überhaupt etwas wert ist?

Wahrscheinlich ist Deine Kampagne nicht schlecht. Vielleicht kommt sie nur zu früh.

Ich entwickle und betreue Anzeigen auf Meta und YouTube. Dabei geht es mir nicht darum, möglichst schnell irgendeine Kampagne live zu stellen. Zunächst finden wir gemeinsam heraus, welcher nächste Werbeschritt zu Deinem Unternehmen, Deinem Angebot und Deiner aktuellen Bekanntheit passt.

Wenn Du bereits ein tragfähiges Angebot hast, aber außerhalb Deines bisherigen Umfelds kaum wahrgenommen wirst, können wir gemeinsam prüfen, ob Du direkt Leads gewinnen solltest – oder zunächst ein Sichtbarkeitsfundament brauchst, damit Menschen Dich kennenlernen und Dir vertrauen können.

Lass uns unverbindlich darüber sprechen.

 

Frauke Schramm